Kohlenhydrate und Getreide beim Hund – was ist sinnvoll, was ist Marketing?
Kohlenhydrate gehören zu den umstrittensten Bestandteilen der Hundeernährung. Während Reis, Hafer oder Kartoffeln in vielen Futtersorten selbstverständlich enthalten sind, werben andere Hersteller ausdrücklich mit getreidefreien Rezepturen. Dabei entsteht schnell der Eindruck, Getreide sei grundsätzlich schlecht für Hunde und eine möglichst kohlenhydratarme Ernährung automatisch gesünder.
Doch so einfach ist es nicht. Dieser Ratgeber erklärt die Grundlagen, räumt mit verbreiteten Irrtümern auf und zeigt, wie du Kohlenhydratquellen und die Aufschrift „getreidefrei“ sachlich beurteilen kannst.
Das Wichtigste in Kürze
- Hunde können geeignete, ausreichend aufgeschlossene Stärke aus Getreide, Kartoffeln und anderen pflanzlichen Zutaten verdauen und als Energiequelle nutzen.
- Für gesunde erwachsene Hunde außerhalb der Fortpflanzung gibt es keinen festgelegten Mindestbedarf an Kohlenhydraten – „nicht zwingend erforderlich“ heißt aber nicht „ungeeignet“.
- Getreide ist nicht grundsätzlich schädlich; Reis, Hafer, Weizen und Mais können Bestandteile eines ausgewogenen Alleinfutters sein.
- Getreidefrei bedeutet nicht kohlenhydratfrei, nicht fleischreicher und nicht automatisch hochwertiger oder verträglicher.
- Einzelne Hunde können auf bestimmte Getreideproteine allergisch reagieren; daraus lässt sich keine allgemeine Getreideunverträglichkeit ableiten.
- Bei hülsenfruchtreichen Rezepturen wird ein möglicher Zusammenhang mit ernährungsassoziierter DCM untersucht – sowohl getreidefreie als auch getreidehaltige Futter können betroffen sein.
Brauchen Hunde Kohlenhydrate?
Hunde benötigen Energie und essenzielle Nährstoffe, etwa bestimmte Aminosäuren, Fettsäuren, Vitamine und Mineralstoffe. Für gesunde, ausgewachsene Hunde außerhalb von Trächtigkeit und Säugezeit gelten Kohlenhydrate dagegen nicht als essenziell. Der Körper kann Glukose auch aus anderen Ausgangsstoffen wie bestimmten Aminosäuren oder Glycerin herstellen (Glukoneogenese).
Das macht Kohlenhydrate aber nicht überflüssig. Verdauliche Kohlenhydrate liefern Energie, sodass nicht alles aus Protein und Fett bereitgestellt werden muss. Bei Welpen sowie trächtigen und säugenden Hündinnen darf die Aussage vom fehlenden Mindestbedarf nicht pauschal übertragen werden; entscheidend ist dort die bedarfsgerechte Gesamtversorgung.
Zu den Kohlenhydraten zählen drei Gruppen: Zucker wie Glukose, Stärke aus miteinander verbundenen Glukosebausteinen sowie Ballaststoffe, die von körpereigenen Enzymen nicht oder nur unvollständig abgebaut werden. Sie erfüllen unterschiedliche Aufgaben und werden nicht gleich verdaut.
Wie gut verdauen Hunde Stärke?
Hunde besitzen die nötigen Verdauungsenzyme: Die Bauchspeicheldrüse bildet Amylase, die Stärke im Dünndarm in kleinere Bestandteile zerlegt, aus denen Glukose aufgenommen wird. Die Untersuchung von Axelsson und Kollegen aus dem Jahr 2013 zeigte zudem genetische Anpassungen domestizierter Hunde, die mit einer besseren Stärkeverdauung zusammenhängen. Hunde gelten deshalb als an eine gemischte Ernährung angepasste Allesfresser. Das heißt aber nicht, dass jeder Hund beliebig große Stärkemengen gleich gut verträgt.
Wie gut Stärke genutzt werden kann, hängt vor allem von Art der Quelle, Zerkleinerung und Erhitzung ab. Rohe Stärke, etwa aus ungekochtem Reis oder rohen Kartoffeln, ist deutlich schlechter zugänglich. Beim Erhitzen mit Wasser verkleistert sie und wird für Enzyme besser verfügbar. Auch industrielle Verfahren wie die Extrusion können die Verdaulichkeit verbessern, sind aber nicht automatisch optimal.
Gelangt zu viel unverdaute Stärke in den Dickdarm, kann sie dort Blähungen oder weichen Kot verursachen – solche Symptome beweisen aber keine Stärkeunverträglichkeit, denn auch andere Futterbestandteile oder Erkrankungen kommen infrage.
Ist Getreide im Hundefutter sinnvoll?
Getreide liefert vor allem Stärke und damit Energie, je nach Art außerdem Protein, Ballaststoffe und weitere Nährstoffe. Bei Trockenfutter spielt Stärke zusätzlich eine technologische Rolle für die Struktur der Kroketten. Ein Futter wird also nicht allein dadurch minderwertig, dass es Reis, Mais oder Weizen enthält.
Die World Small Animal Veterinary Association (WSAVA) erklärt, dass Getreide in Heimtierfutter Energie, Ballaststoffe und weitere Nährstoffe liefern kann und richtig verarbeitet für Hunde grundsätzlich verdaulich ist. Der Vorwurf „billiger Füllstoff“ ist deshalb zu pauschal. Natürlich kann ein Hersteller Zutaten auch nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten auswählen; ein niedriger Rohstoffpreis beweist aber weder eine schlechte noch eine gute Qualität. Entscheidend ist, ob das gesamte Futter den Nährstoffbedarf deckt.
Umgekehrt braucht ein Hund Getreide nicht unbedingt: Eine bedarfsgerechte Ration kann auch ohne Getreide formuliert werden.
Reis, Hafer, Weizen und Mais unterscheiden sich in Stärke, Protein und Ballaststoffen; Kartoffeln, Süßkartoffeln, Erbsen und Linsen liefern ebenfalls Stärke. Eine allgemeingültige Rangfolge gibt es nicht: Weder ist Reis grundsätzlich besser als Weizen oder Mais, noch sind Kartoffeln grundsätzlich gesünder als Getreide. Bei Mais unterscheiden sich Maiskorn, Maisstärke und Maisproteinprodukte erheblich, und Reis allein ist kein vollständiges Futter. Die individuelle Verträglichkeit ist aussagekräftiger als eine pauschale Bewertung einzelner Zutaten. Grüne, stark gekeimte oder verdorbene Kartoffeln können problematische Mengen an Glykoalkaloiden enthalten und gehören nicht in den Napf.
Was bedeutet „getreidefrei“ – und ist es besser?
Getreidefreies Hundefutter enthält nach seiner Rezeptur kein Getreide. Getreide wird häufig durch Kartoffeln, Süßkartoffeln, Erbsen, Linsen oder Tapioka ersetzt, sodass ein getreidefreies Trockenfutter einen erheblichen Kohlenhydratanteil haben kann. Ebenso wenig sagt der Begriff etwas über Fleischanteil, Proteinqualität, Verdaulichkeit, Kalorien, Allergierisiko oder gesundheitliche Wirkung. Auch „natürlicher“ ist ein getreidefreies Futter nicht automatisch: Die Ernährung eines Haushundes muss nicht die mutmaßliche Ernährung eines Wolfes nachahmen, um bedarfsgerecht zu sein.
Beide Futterarten können bedarfsgerecht formuliert sein oder Schwächen haben. Für gesunde Hunde besteht kein allgemeiner Grund, Getreide grundsätzlich zu meiden. Bei einer nachgewiesenen Unverträglichkeit gegenüber bestimmten Getreidebestandteilen kann der gezielte Verzicht dagegen sinnvoll sein.
Aussagekräftiger als der Begriff „getreidefrei“ sind andere Fragen:
- Ist das Futter ein Alleinfuttermittel und für die Lebensphase deines Hundes geeignet?
- Wie wird die Nährstoffversorgung sichergestellt, und kann der Hersteller dazu Fragen beantworten?
- Welche Rolle spielen Getreide, Kartoffeln oder Hülsenfrüchte in der Zutatenliste?
- Wie verträgt dein Hund das Futter?
Getreidefrei und DCM – was ist bekannt?
Die dilatative Kardiomyopathie (DCM) ist eine Erkrankung des Herzmuskels, bei der die Herzkammern sich erweitern und die Pumpfunktion nachlässt. Neben genetisch bedingten Formen werden Fälle untersucht, bei denen die Ernährung eine Rolle spielen könnte. Die US-Arzneimittelbehörde FDA hat Meldungen über DCM bei Hunden geprüft, die bestimmte Futter erhielten. Auffällig waren Rezepturen mit hohen Anteilen an Erbsen, Linsen und weiteren Hülsenfrüchten, viele davon als getreidefrei gekennzeichnet. Die FDA bewertet das als mögliches Untersuchungssignal, nicht als Nachweis einer Ursache. Auch der Forschungsüberblick der Tufts University vom Juni 2026 nennt hülsenfruchtreiche Rezepturen; die genaue Ursache ist bislang nicht geklärt.
Daraus ergeben sich wichtige Einschränkungen: Nicht jedes getreidefreie Futter verursacht DCM, nicht jede DCM ist ernährungsbedingt, und auch bei getreidehaltigen Futtern wurden Fälle gemeldet. Hülsenfrüchte sind nicht grundsätzlich als gefährlich nachgewiesen, und ein pauschales Verbot getreidefreier Futter lässt sich nicht ableiten.
Sinnvoll ist ein Blick auf die gesamte Rezeptur, besonders wenn Hülsenfrüchte einen großen Anteil ausmachen, sowie auf die ernährungswissenschaftliche Kompetenz und Qualitätssicherung des Herstellers. Bei Verdacht auf eine Herzerkrankung gehört der Hund in die Tierarztpraxis; eine eigenständige Futterumstellung ersetzt weder Diagnostik noch Behandlung.
Getreideallergie und Gluten
Einzelne Hunde können auf bestimmte Getreideproteine allergisch reagieren, auch auf Weizen. „Getreide“ fasst aber unterschiedliche Pflanzen und Proteine zusammen, sodass eine Allergie nicht bedeutet, dass sämtliche Getreidearten unverträglich sind. Juckreiz, wiederkehrende Hautprobleme oder Magen-Darm-Beschwerden sind nicht spezifisch und können viele Ursachen haben. Sie dürfen deshalb nicht automatisch einer Getreideunverträglichkeit zugeschrieben werden.
Die Abklärung gehört in die Tierarztpraxis. Ein einfacher Wechsel auf irgendein getreidefreies Futter ist kein zuverlässiger Allergietest und schützt auch nicht vorbeugend vor Allergien. Den Unterschied zwischen Allergie und Unverträglichkeit erklärt der Ratgeber Futtermittelallergie oder Unverträglichkeit?.
Gluten bezeichnet Speicherproteine von Weizen, Gerste und Roggen. Glutenfrei und getreidefrei sind nicht dasselbe: Reis und Mais sind Getreide, enthalten aber nicht das für Weizen typische Gluten. Die Zöliakie des Menschen lässt sich nicht ohne Weiteres auf Hunde übertragen; eine Notwendigkeit, gesunde Hunde glutenfrei zu ernähren, ergibt sich daraus nicht.
Ballaststoffe – warum sind sie wichtig?
Ballaststoffe sind Kohlenhydrate, die sich deutlich von gut verdaulicher Stärke unterscheiden. Ein Teil wird im Dickdarm von Mikroorganismen fermentiert, andere beeinflussen Kotvolumen, Wasserbindung und Kotkonsistenz. Nicht jeder Ballaststoff wirkt gleich, deshalb gilt „je mehr, desto besser“ nicht: Übermäßig hohe Mengen können unerwünschte Wirkungen haben, und bei empfindlichen Hunden können bestimmte fermentierbare Bestandteile Blähungen oder weicheren Kot begünstigen. Bei Durchfall sind zusätzliche Ballaststoffe keine allgemeine Lösung; bei schwerem, blutigem oder wiederkehrendem Durchfall, deutlicher Mattigkeit oder Anzeichen von Austrocknung gehört der Hund in die Tierarztpraxis.
Wie viele Kohlenhydrate stecken im Futter?
Auf der Verpackung steht üblicherweise kein Kohlenhydratwert, sondern Rohprotein, Rohfett, Rohfaser, Rohasche und gegebenenfalls Feuchtigkeit. Der Kohlenhydratanteil lässt sich daraus näherungsweise als stickstofffreie Extraktstoffe (NfE) berechnen; den Rechenweg und den Vergleich von Nass- und Trockenfutter über die Trockenmasse zeigt der Ratgeber Rohprotein, Rohasche und Rohfaser. Der NfE-Wert ist keine Messung der tatsächlich verdaulichen Kohlenhydrate, denn er umfasst neben Stärke und Zucker weitere Bestandteile.
Einen optimalen Kohlenhydratanteil gibt es für gesunde erwachsene Hunde nicht; ein einzelner Prozentwert reicht nicht, um ein Futter zu beurteilen. Auch zugesetzter Zucker ist kein notwendiger Bestandteil einer Hunderation. Er macht ein Futter nicht automatisch ungeeignet, eine hohe Zufuhr ist aber kritisch zu sehen.
Kohlenhydrate in besonderen Situationen
Übergewicht entsteht durch die gesamte Energiebilanz, nicht durch Kohlenhydrate allein; ein kohlenhydratarmes Futter ist nicht automatisch kalorienarm, denn auch fettreiche Futter haben eine hohe Energiedichte. Sportlich aktive Hunde können Kohlenhydrate als Energiequelle nutzen, ein Familienhund mit gelegentlichem Hundesport braucht aber nicht automatisch Leistungsfutter. Bei Welpen zählt die gesamte Nährstoffversorgung, bei Senioren gibt es keine allgemeine Regel für mehr oder weniger Kohlenhydrate. Bei BARF und selbst gekochten Rationen ersetzt der Verzicht auf Kohlenhydrate keine Rationsberechnung, und rohe Stärkequellen sind ungeeignet. Bei Diabetes ersetzt die Ernährung nicht die tierärztliche Behandlung; Kohlenhydratmenge und Fütterungszeiten sollten nicht eigenmächtig verändert werden (siehe Ernährung bei chronischen Erkrankungen: Niere, Leber, Diabetes und Bauchspeicheldrüse).
Fazit
Kohlenhydrate sind in der Hundeernährung weder grundsätzlich notwendig noch grundsätzlich schädlich. Hunde können geeignete Stärkequellen verdauen und als Energie nutzen; Getreide kann deshalb ebenso Bestandteil einer ausgewogenen Ration sein wie Kartoffeln. Ein Futter wird nicht dadurch hochwertig, dass es kein Getreide enthält, und nicht minderwertig, weil Reis, Weizen oder Mais verwendet werden.
Die beste Futterentscheidung orientiert sich an der vollständigen Nährstoffversorgung, der Verdaulichkeit, der individuellen Verträglichkeit und dem tatsächlichen Bedarf des Hundes – nicht an pauschalen Werbeversprechen. Die entscheidende Frage lautet nicht „Ist Getreide enthalten?“, sondern „Ist dieses Futter für meinen Hund vollständig, verträglich und bedarfsgerecht zusammengestellt?“
Häufige Fragen
Können Hunde Reis essen?
Ja. Ausreichend gekochter, ungewürzter Reis kann Bestandteil einer geeigneten Hunderation sein. Reis allein ist jedoch kein vollständiges Futter, und auch bei Reis sind individuelle Unverträglichkeiten möglich.
Ist Mais im Hundefutter schädlich?
Mais ist nicht grundsätzlich schädlich. Geeignet aufgeschlossene Maisstärke können Hunde verdauen. Ebenso wenig ist Mais automatisch hochwertig: Entscheidend sind Verarbeitung, Menge und die gesamte Futterzusammensetzung.
Sollte ich vorsorglich auf getreidefrei umstellen?
Für einen gesunden Hund ohne entsprechenden medizinischen Grund ist das nicht erforderlich. Wenn du das Futter wechselst, tu das schrittweise.
Verursacht getreidefreies Futter DCM?
Ein ursächlicher Zusammenhang zwischen Getreidefreiheit allein und DCM ist nicht nachgewiesen. Untersucht werden bestimmte, hülsenfruchtreiche Rezepturen.
Weiterführende Ratgeber
Einen Überblick über alle Nährstoffgruppen gibt Welche Nährstoffe braucht ein Hund?. Wie du Etiketten und Werbeaussagen einordnest, zeigt Futtermitteldeklaration beim Hund verstehen, zur Gesamtbeurteilung eines Futters passt Hochwertiges Hundefutter sachlich beurteilen, und wie du ein neues Futter einführst, erklärt Futterumstellung beim Hund. Weitere Beiträge findest du auf der Themenseite Ernährungswissen.
Hinweis: Dieser Ratgeber dient der allgemeinen Information und ersetzt keine tierärztliche Ernährungsberatung. Bei chronischen Erkrankungen, Futtermittelallergien, Herzerkrankungen, anhaltenden Verdauungsproblemen oder medizinisch begründeten Diäten sowie bei Welpen sollte die Fütterung tierärztlich abgestimmt werden.
Quellen & fachliche Grundlage
WSAVA – Frequently Asked Questions and Myths (PDF)
Die WSAVA erläutert, dass Getreide nicht grundsätzlich ein wertloser Füllstoff ist und entsprechend verarbeitetes Getreide von Hunden verdaut werden kann.
Axelsson et al. (2013) – The genomic signature of dog domestication reveals adaptation to a starch-rich diet
Nature, 495, 360—364. Genetische Untersuchung zu Anpassungen des Haushundes an stärkereiche Nahrung.
FDA – Investigation into Potential Link between Certain Diets and Canine Dilated Cardiomyopathy
Offizielle Untersuchung und Einordnung gemeldeter DCM-Fälle im Zusammenhang mit bestimmten Futterzusammensetzungen.
Tufts University – Update on Diet-Associated Dilated Cardiomyopathy: June 2026
Veterinärmedizinische Einordnung der Rolle hülsenfruchtreicher Futterrezepturen und der offenen Forschungsfragen (Stand Juni 2026).